Vogelschutzgebiete und Rote Listen

In langen Zeiträumen hat sich auf der Erde eine erstaunlich reiche Tier- und Pflanzenwelt entwickelt. In zunehmendem Maße wird diese Formenvielfalt jedoch durch menschliches Wirken bedroht. Aus vogelkundlicher Sicht sind dabei insbesondere die Zerstörung oder Beeinträchtigung von Brut-, Zug- und Überwinterungsgebieten der Vögel sowie die direkte Verfolgung durch Jagd und Handel zu nennen. Diesen Erkenntnissen Rechnung tragend, traten bereits 1979 die Richtlinie über die Erhaltung der wildlebenden Vogelarten, die so genannte EU-Vogelschutzrichtlinie, und 1992 die Richtlinie zur Erhaltung der natürlichen Lebensräume sowie der wildlebenden Tiere und Pflanzen, die so genannte Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie oder kürzer FFH-Richtlinie, in Kraft.

Auf der Grundlage dieser beiden Richtlinien sollte zum Ausgang des vergangenen Jahrtausends ein europäisches Netz mit dem Namen „Natura 2000“ geschaffen werden, das aus Gebieten besteht, die nach europäischen Maßstäben ausgewählt und auf der Basis nationaler Gesetze geschützt sind. Es umfasst sowohl die EU-Vogelschutzgebiete gemäß der EU-Vogelschutzrichtlinie als auch die Schutzgebiete für Arten und Lebensräume nach der FFH-Richtlinie.

EU-Vogelschutzrichtlinie
http://www.bmu.de/naturschutz_biologische_vielfalt/natura_2000/vogelschutzrichtlinie/doc/6016.php

FFH-Richtlinie
http://www.bmu.de/naturschutz_biologische_vielfalt/natura_2000/ffh-richtlinie/doc/2256.php

In den 1980er Jahren erarbeiteten Sachverständige der Mitgliedsstaaten, der Europäischen Kommission sowie von Birdlife International Kriterien für die Ermittlung von Gebieten mit besonderer Bedeutung für die Erhaltung von Vogelarten in Europa. Auf der Grundlage dieser Kriterien wurde eine Liste der Important Bird Areas (IBA) für die Länder der Europäischen Union erarbeitet, letztmalig 1999 erweitert und publiziert. Für Deutschland gilt die IBA-Liste aus dem Jahr 2002.

Diese Liste gilt als wichtige fachliche Vorgabe für die Ausweisung von EU-Vogelschutzgebieten durch die zuständigen Behörden der Länder. In deren Ermessen liegt es allerdings, wie die Grenzziehung dieser Gebiete im Einzelnen erfolgt. Auch bei der Festlegung der Auswahlkriterien besitzen sie einen gewissen Beurteilungsspielraum. Aus diesem Grund sind nicht alle IBA-Gebiete in Deutschland auch ausgewiesene EU-Vogelschutzgebiete.

IBA-Liste
http://bergenhusen.nabu.de/ibas/

Zu den bedeutendsten und interessantesten Important Bird Areas (die zum großen Teil auch den Status von EU-Vogelschutzgebieten haben) gehören in Deutschland unter anderem:

• Das Schleswig-Holsteinische Wattenmeer. Hier rasten jährlich bis zu 500.000 Alpenstrandläufer, 390.000 Knutts, 215.000 Eiderenten, 200.000 Brandgänse und viele andere Limikolen und Meeresvögel.
• Die Östliche Deutsche Bucht (mit Helgoland). Auf der nur 1,7 km² großen Nordseeinsel Helgoland brüten mehr als 10.000 Paare verschiedener See- und Küstenvogelarten, darunter Dreizehenmöwen, Trottellummen und Basstölpel.
• Die Vorpommersche Küsten- und Boddenlandschaft. Von September bis November halten sich hier rund 60.000 Kraniche auf. Ihre Schlafplätze liegen in den flachen Boddengewässern und auf ungestörten Inseln. Im Gebiet brüten knapp 10 Brutpaare des Seeadlers.
• Der Hakel. Die etwa 13 km² große Waldinsel inmitten der Magdeburger Börde ist Brutplatz für bis zu 130 Brutpaare des Rotmilans und eines der westlichsten Brutgebiete des Schreiadlers.
• Die Brandenburgischen Luchgebiete (Rhinluch, Havelländisches Luch, Belziger Landschaftswiesen). Sie sind Lebensraum der letzten Großtrappen in Deutschland.
• Die Oberlausitzer Heide- und Teichlandschaft. Rohrdommel, Kranich, Schellente und andere Arten erreichen hier bundesweit bedeutsame Bestandszahlen.
• Der Untere Niederrhein. Im Vogelschutzgebiet überwintern jährlich bis zu 200.000 arktische Gänse (Blässgänse, Saatgänse u.a.). Zu den Brutvögeln feuchter Wiesen gehören Rotschenkel, Uferschnepfe und Wachtelkönig.
• Überlinger See und Untersee des Bodensees. Hier finden sich jedes Jahr zehntausende Wasser- und Watvögel aus ganz Europa ein. Bedeutend ist u.a. der Bestand der seltenen Kolbenente.
• Chiemsee und Chiemseemoore. Das Gebiet gehört zu den vogelartenreichsten in Bayern. Unter anderen brüten hier Schilfrohrsänger (30-50 BP), Rohrschwirl (20-30 BP) und Drosselrohrsänger (10-60 BP).
• Der Bayerische Wald. Der Nationalpark ist Lebensraum für seltene Waldbewohner, z.B. Auerhuhn, Sperlingskauz und Weißrückenspecht.

Ein besonders wirksames und populäres Instrument des Naturschutzes sind die Roten Listen. Es handelt sich dabei um Verzeichnisse ausgestorbener, verschollener und gefährdeter Tier- und Pflanzenarten. Sie dienen zum einen der allgemeinen Information der Öffentlichkeit und besonders der zuständigen Behörden über die Situation von Fauna und Flora. Andererseits werden sie sehr konkret eingesetzt, um die naturschutzfachliche Bedeutung von Schutzgebieten zu analysieren oder um die Folgen von Veränderungen in Natur und Landschaft zu beurteilen.

Rote Listen werden von unabhängigen Spezialisten an Hand ganz bestimmter Kriterien festgelegt. Sie werden in Abständen von etwa 10-15 Jahren überarbeitet und aktualisiert. Von den etwa 250 Brutvogelarten Deutschlands stehen 110 auf der Roten Liste, weitere 21 auf der Vorwarnliste (Stand 2007). Sie sind folgenden Kategorien zugeordnet:

• 0 – Ausgestorben oder verschollen. Hierzu zählen jene noch vor etwa 100 Jahren in Deutschland lebenden Arten, deren Vorkommen inzwischen mit Sicherheit oder mit großer Wahrscheinlichkeit erloschen sind.
• 1 – Vom Aussterben bedroht. Die Kategorie umfasst sehr seltene und akut bedrohte Arten sowie Arten mit drastischen Bestandsrückgängen. Ihr Überleben ist unwahrscheinlich, wenn die Gefährdungsursachen weiter wirken und keine effizienten Schutzmaßnahmen eingeleitet werden.
• 2 – Stark gefährdet. Hier werden Arten mit kleinen Beständen eingeordnet, die von bestehenden oder absehbaren Eingriffen bedroht sind, oder auch Arten, deren Bestände überall in Deutschland deutlich abnehmen.
• 3 – Gefährdet. Eine Einstufung in diese Kategorie erfolgt dann, wenn eine Art regional kleine und gefährdete Bestände besitzt oder die Bestände vielerorts zurückgehen bzw. bereits lokal erloschen sind.
• R – Extrem selten. Hierher gehören Arten mit wenigen eng begrenzten, aber stabilen Populationen in Deutschland. Sie sind noch nicht bedroht, können aber durch zufällige Ereignisse sehr schnell Gefährdungen ausgesetzt sein.
• V – Vorwarnliste. Bei diesen Arten ist noch keine aktuelle Gefährdung erkennbar. Sie sind noch in befriedigenden Beständen vorhanden, nehmen jedoch spürbar ab oder zeigen eine deutliche Bindung an immer seltener werdende Lebensräume.

Rote Liste
http://www.nabu.de/tiereundpflanzen/voegel/wissenswertes/roteliste/