Vogelrufe und Gesänge

Lautäußerungen spielen im sozialen Leben der Vögel eine große Rolle. Das akustische Repertoire vieler Arten ist beachtlich und umfasst nicht nur Rufe und Gesänge. So können Töne auch mit Hilfe des Schnabels, der Flügel oder bestimmter Gefiederareale erzeugt werden. Jedem bekannt ist das Trommeln des Buntspechtes oder das Klappern des Weißstorches (daher auch der Name Klapperstorch). Auffälliges Flügelklatschen kennt man vom Ziegenmelker und von der Sumpfohreule, während die Bekassine ihre typischen Geräusche beim Balzflug durch Abspreizen der äußeren Schwanzfedern erzeugt.

Im Gegensatz zu den bereits genannten Instrumentallauten werden stimmliche Äußerungen mit Hilfe eines speziellen inneren Organs, der Syrinx, erzeugt. Sie wird auch als unterer Kehlkopf bezeichnet und ist eine spezielle Bildung des Atmungstraktes. Bei Singvögeln ist sie besonders komplex gestaltet.

Rufe und Gesänge der Vögel können nicht scharf voneinander abgegrenzt werden, haben aber verschiedene Funktionen. Im Allgemeinen sind Rufe kurz und einfach strukturiert und werden in bestimmten Situationen das ganze Jahr über geäußert. Zu ihnen gehören Warnrufe, die bei Kontakt mit Feinden ausgestoßen werden. Diese Rufe bewegen sich bei der Blaumeise und anderen Arten im Bereich von etwa 7 kHz. Sie veranlassen Artgenossen zu besonderer Vorsicht, können aber von einem auf Beuteflug befindlichen Sperber nur schwer geortet werden. Stimmfühlungslaute sind ebenfalls weit verbreitet. Schon der Embryo im Ei kann solche Laute erzeugen und damit Signale an seine Umwelt abgeben. Bei Nestflüchtern, etwa bei der Wachtel, dienen diese Rufe einer gemeinschaftlichen Abstimmung, die den synchronen Schlupf aller Küken bewirkt. Auch für den Zusammenhalt von Vogelschwärmen sind Stimmfühlungsrufe wichtig.

Zu den faszinierendsten und vielfältigsten Lautäußerungen im Tierreich überhaupt gehören zweifelsohne die Gesänge der Vögel. Sie können auf unterschiedliche Weise herausgebildet werden, wobei sowohl Vererbung als auch Lernprozesse eine Rolle spielen. Vögel mancher Arten singen auch dann, wenn sie selbst ein Leben lang taub sind und nie die Stimme eines anderen Sängers gehört haben. In diesem Fall ist der Gesang ausschließlich genetisch determiniert. Die meisten Arten besitzen zwar eine angeborene Disposition, die artspezifischen Details des Gesanges müssen die einzelnen Individuen jedoch von Altvögeln erlernen. Der Buchfink und andere Singvögel tun dies in ihrem ersten Lebensjahr, und zwar in zwei Stufen. Zunächst lauschen sie passiv dem Gesang ihres Vaters und speichern diesen Gesang in ihrer Erinnerung. Später werden diese Erinnerungen abgerufen und die jungen Sänger versuchen, ihren eigenen Gesang diesen inneren Mustern anzugleichen. Dazu bedarf es in der Regel einiger Versuche und Übungen. Ist der Gesang erst einmal entwickelt, bleibt er bei vielen Arten ein Leben lang unverändert.

Das väterliche Vorbild spielt also bei der Gesangsentwicklung eine wichtige Rolle. In der Übungsphase jedoch, in der die Feinheiten und Details des Gesanges einstudiert werden, orientiert der Vogel sich an seinen Nachbarn im eigenen Brutgebiet und modifiziert das vom Vater in Erinnerung gebliebene Muster. Deshalb sind Gesänge in bestimmten geografischen Gebieten oft sehr ähnlich und lassen sich gegenüber denen in Nachbargebieten deutlich abgrenzen. In jedem der Gebiete trifft man dann auf einen bestimmten Dialekt.

Dialekt
http://www.nzzfolio.ch/www/d80bd71b-b264-4db4-afd0-277884b93470/showarticle/9d2d7ba0-94c4-4587-86b6-09a4d32b6c37.aspx

Besonders eingehend hat man das Lernen des Gesangs bei der Nachtigall untersucht. Männchen sind in der Lage, bis zu 200 verschiedene Lieder von anderen singenden Männchen zu erlernen. Wie Experimente in Gefangenschaft zeigten, beginnt die Lernbereitschaft schon im Alter von 15 Tagen und erreicht ihren Gipfel in den ersten drei Lebensmonaten. Die Vögel lernen ausgesprochen schnell. 10 verschiedene Gesangsformen können nach nur 10- bis 20-maligem Hören dauerhaft erlernt werden; 60 Gesangsformen sogar dann, wenn sie drei Wochen lang nur einmal täglich gehört werden.

Der Gesang von Vögeln hat unterschiedliche Funktionen. Zunächst sind Gesänge von Art zu Art verschieden, so dass sie zur Arterkennung dienen können. Augenfällig ist dies bei nahe verwandten Spezies wie Zilpzalp und Fitis. Solche Zwillingsarten sind optisch schwer zu unterscheiden, können jedoch auf Grund ihrer artspezifischen Gesänge leicht zugeordnet werden. Zu den sozialen Funktionen des Gesanges gehören u.a. die Reviermarkierung und Revierverteidigung, das Anlocken von Weibchen, die Förderung des Zusammenhaltes von Paaren und die Synchronisation des Brutablaufes. Neuere Untersuchungen widmeten sich vor allem einer weiteren, offenbar sehr wichtigen Funktion von Gesängen: der Signalwirkung bei der sexuellen Selektion durch die Weibchen. Wie sich herausstellte, wählen die Weibchen vor allem solche Männchen als Paarungspartner, die über ein reiches Repertoire verfügen und besonders komplexe Gesänge vortragen. Weibchen des Drosselrohrsängers z.B. akzeptieren bei ihren Seitensprüngen Liebhaber nur dann, wenn sie besser singen als ihre jeweiligen eigenen Männchen.

Einen Zusammenhang zwischen Komplexität des Balzgesangs und Hirnstruktur haben die Wissenschaftler inzwischen bei drei Vogelarten nachgewiesen: bei Schilfrohrsängern, Kuhstärlingen und Zebrafinken. Besonders gute Sänger besitzen offenbar auch andere überdurchschnittliche Qualitäten. Vieles deutet darauf hin, dass Weibchen die genetische Qualität und Kondition eines Männchens am Gesang erkennen können und dementsprechend ihre Wahl treffen. Indem ein Weibchen den besten Sänger wählt, erhöht es den Erfolg seiner Elternschaft und die Überlebensfähigkeit der nachfolgenden Generationen. Das Prinzip der Damenwahl ist möglicherweise auch ein Grund dafür, dass Vogelmännchen in den gemäßigten und nördlichen Breiten besonders intensiv in den frühen Morgenstunden singen. Wie könnten sie den Weibchen ihre Potenz besser demonstrieren als durch perfekte Inszenierungen am Morgen trotz Hungers und Fröstelns nach einer kalten, entbehrungsreichen Nacht?

Am morgendlichen Konzert sind die meisten Arten beteiligt; sie unterscheiden sich jedoch im Gesangsbeginn. Zu den Frühaufstehern gehört in unseren Breiten der Gartenrotschwanz, eher zu den Langschläfern können Haussperling und Star gezählt werden. Die Abfolge der Sänger kann man in einer so genannten Vogeluhr darstellen. Es ist reizvoll, eine solche Vogeluhr für seinen eigenen Garten oder für ein ausgewähltes Beobachtungsgebiet selbst zu erstellen.

Der Gesang wird oftmals von exponierten Singwarten aus vorgetragen. Die Amsel sucht sich dabei Baumwipfel aus oder die höchsten Schornsteine auf den Häusern der Innenstadt. Von Singflügen spricht man, wenn der Gesang von charakteristischen Flugvorführungen begleitet ist. Zu beobachten ist dies unter anderem bei Limikolen (z.B. beim Kiebitz) sowie bei zahlreichen Singvögeln der offenen und halboffenen Landschaft (z.B. bei der Feldlerche, dem Baumpieper und der Dorngrasmücke).

Vogeluhr
http://www.tierundnatur.de/vall-uhr.htm

Wenig bekannt ist die Tatsache, dass auch Vogelweibchen singen. Besonders häufig ist dies bei tropischen Arten der Fall, z.B. bei Prachtfinken. Männchen und Weibchen des amerikanischen Weißohrzaunkönigs tragen einen Duettgesang vor, was auch von einer Reihe heimischer Arten bekannt ist (Wasserralle, Zwergtaucher). Er dient offenbar dem Paarzusammenhalt und der Abgrenzung des Brutgebietes gegenüber Artgenossen. Von den mitteleuropäischen Arten singen zum Beispiel auch die Weibchen des Rotkehlchens. Sie tun dies aber vor allem in ihren winterlichen Einstandsgebieten und verteidigen auf diese Weise ihr Nahrungsrevier. Aggression und Gesang werden dabei hormonell gesteuert. Wissenschaftler stellten fest, dass der Testosteronspiegel der weiblichen Rotkehlchen im Winter erhöht ist. Ganz anders verhalten sich weibliche Alpenbraunellen. Sie singen zur Brutzeit und versuchen, dadurch einen oder gar mehrere männliche Partner anzulocken.

Mit zunehmenden technischen Möglichkeiten hat die Erforschung und Analyse von Vogelstimmen in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht. In speziellen Archiven werden bioakustische Aufnahmen weltweit gesammelt und katalogisiert.

Archive
http://www.vogelstimmen.de/html/suchen.html